Dissertation: Musikalische Hermeneutik

Musikalische Hermeneutik

Anthropologische Grundfragen nach den Bedingungen ihrer Ermöglichung

BOETHIANA – Forschungsergebnisse zur Philosophie, Band 35

Hamburg 1998, 276 Seiten
ISBN 978-3-86064-820-9 (Print)

Geschichtswissenschaft, Musikalität, Musikhermeneutik, Musikverstehen, Sensorik, Sprachentwicklung

Zum Inhalt

Ein Sprechen über Musik, über ein konkretes Musikstück in jeweils bestmöglicher Annäherung an dieses (so wie es im jeweiligen Erklingen seine ihm eigene Dauer durchläuft), wäre vorzustellen gleichsam als die „Übersetzung“ dieser musikalischen Verläufe in Sprache, als „Versprachlichung“ der musikalischen Prozesse selbst. So etwas ist jedoch leider nicht möglich! Das weiß nicht nur jeder Musikwissenschaftler. Das Problem ist nahezu einem jeden geläufig. Denn die meisten Menschen haben sich schon einmal in der Situation befunden, jemandem ein bestimmtes Musikstück beschreiben zu wollen, - meist eines, welches besonders gefallen hat. Und jedes Mal sind wir daran gescheitert: Es ließ sich nicht mitteilen.

Besonders deutlich tritt das Problem zutage, lesen wir Konzertkritiken: Sprachhülsen und emphatische Wendungen sind die hilflosen Versuche, dieses Dilemma zu kaschieren. Das, was sich über die Musik nicht sagen lässt, finden wir kompensiert durch die Hervorhebungen anderer „Besonderheiten“, angefangen bei irgendwelchen biographischen Details, hin bis zur Garderobe. Die Angst, seinen Anteil am „Kulturgut“ Musik abgesprochen zu bekommen, als „ungebildet“ zu gelten und gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden, hat viel zu dieser gängigen Art von Verschleierung beigetragen und dem sprichwörtlichen Kaiser wagenweise neue Kleider beschert.

Dabei ist das ständige Scheitern bei dem Bemühen, musikalische Prozesse zu versprachlichen, gar nicht primär auf individuelles Unvermögen zurückzuführen. Vielmehr markiert es die Bedingtheit unserer visuell bestimmten Geistigkeit vor dem Hintergrund ihrer phylogenetischen Geschichte. Selbst die ontogenetischen Untersuchungen der Musikentwicklung in der Phase frühkindlichen Spracherwerbs ergeben eindeutig: Musik ist nicht ‘Gegenstand’ unserer Sprache, sondern deren unabdingbare Voraussetzung.

In diesem Sinne bietet die Dissertation von Thomas Schieche eine völlig neue Perspektive zu einem gängigen Thema. Als ein wesentliches Stück Grundlagenforschung leistet sie dazu einen noch nie dagewesenen, unkonventionellen Beitrag. Als spannende Lektüre wird sie künftig zugleich unabdingbar sein für alle, die sich mit Musikhermeneutik, ihren Problemen, Möglichkeiten und Grenzen beschäftigen wollen.



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