: Kontinuität oder Wandel?

Kontinuität oder Wandel?

Das besondere Verhältnis von Deutschen zu Namibia

ORBIS – Wissenschaftliche Schriften zur Landeskunde, Band 5

Hamburg 1995, 288 Seiten
ISBN 978-3-86064-342-6 (Print)

Afrika, Annelie Haspel, Apartheit, Entwicklungshilfe, Faschismus, Geographie, Kolonialherrschaft, Namibia, Rassismus

Zum Inhalt

Selbst in einer Zeit politischen Umbruchs und der Transformation der früheren Apartheidgesellschaft in eine auf gleichen Rechten für alle basierende demokratische Gesellschaft gibt es deutlich Anzeichen dafür, dass kolonialistische, ja rassistische Denk- und Verhaltensmuster auf seiten der rund 20.000 Personen umfassenden deutschstämmigen Minderheit Namibias nicht passé sind. Die Autorin ist deshalb der Frage nachgegangen, welche Faktoren ein gesellschaftliches Klima in dem seit 1990 völkerrechtlich unabhängigen Land erzeugen, in dem weisse Dominanz wie in einem abgeschirmten Raum überleben kann. In einer sensiblen und engagierten Politikanalyse legt sie - von der Kolonialherrschaft „Deutsch-Südwestafrikas“ bis in die jüngste Gegenwart hinein - die Widersprüchlichkeit, ja Doppelzüngigkeit im Verhältnis zu Namibia bloß: So vollzog sich der Prozess der Kolonisierung im Gewande der „Schutzherrschaft“; tatsächlich jedoch war das koloniale Verhältnis ein durch strukturelle Gewalt gekennzeichnetes Herrschaftsverhältnis, das auf Grundlage eines sozialdarwinistischen Menschenbildes einen uneingeschränkten Führungsanspruch über die Kolonisierten erhob. Dieser Führungsanspruch erklärte die eigene Kultur zum Inbegriff von Zivilisation und gestand der anderen, fremden Kultur ein Existenzrecht nur soweit zu, als diese für die Durchsetzung eigener Interessen von Nutzen war. Dem Führungsanspruch entsprach auf seiten der mehrheitlich dem deutschen Kleinbürgertum entstammenden Einwanderer eine Mentalität der Herrenmenschen. Die Autorin zeichnet präzise nach, wie diese von sozialer Deklassierung bedrohten Einwanderer in unmittelbare Weise vom Verlust elementarster Lebensgrundlagen afrikanischer Gesellschaften profitierten, ja dieser destruktive Prozess, der seinen Höhepunkt in einem Völkermord erreichte, erst die Bedingung ihrer Existenzgründung in der „neuen Welt“ war.

Bis heute wird das deutsch-namibische Verhältnis bestimmt von der Herrenmentalität der „Südwester“, wie sich viele Deutschstämmige nennen, und der mit ihr verbundenen Überzeugung, als „Kulturvolk“ mit besonderen Fähigkeiten der schwarzen Bevölkerungsmehrheit weit überlegen zu sein. Einer der wesentlichen Faktoren, die ihre Vormachtstellung jahrzehntelang legitimiert haben, war die ideologische und materielle Unterstützung aus der BRD, insbesondere durch eine Lobby konservativer Politiker, die beste Beziehungen zum weissen Minderheitsregime Südafrikas pflegte. Das Engagement dieser „Südwester“-Lobby im Gewande der „besonderen Verantwortung“ und „Fürsorge“ für Namibia wird von der Autorin als Engagement zur Durchsetzung eigennütziger Interessen decouvriert, die lautstark geforderte Entwicklungshilfe noch vor Etablierung der völkerrechtlichen Unabhängigkeit als humanitärer Vorwand, hinter dem sich das Interesse verbarg, die Okkupation Namibias durch das weisse Minderheitsregime Südafrikas zu zementieren. Besonders deutlich wird die Kollaboration der „Südwester“-Lobby mit dem Apartheidregime: beide übten eine massive Kontrolle auf den Prozess gesellschaftlicher Transformation aus mit dem Ziel, allzu einschneidende Veränderungen der bisherigen Strukturen im Keim zu ersticken.

Das präzise recherchierte und in einem sehr anschaulichen Stil geschriebenes Buch enthält darüber hinaus vielfältige und äußerst informative Skizzen zur aktuellen Lage des Landes, analysiert die von Vereinten Nationen überwachte Übergangsphase bis zur Unabhängigkeit und setzt sich kritisch mit der Politik der Versöhnung auseinander.



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