Doktorarbeit: Zuflucht, Kurhaus, Strafanstalt. Die Trinkerheilstätte Stift Isenwald und ihre Patienten 1901–1942

Zuflucht, Kurhaus, Strafanstalt. Die Trinkerheilstätte Stift Isenwald und ihre Patienten 1901–1942

Schriften zur Geschichtsforschung des 20. Jahrhunderts, Band 12

Hamburg 2017, 432 Seiten
ISBN 978-3-8300-9355-8

Rezension

[...] Während zur Kultur- und Sozialgeschichte des Alkoholkonsums in Deutschland schon seit längerem einschlägige Forschungen vorliegen, konnte man bislang, wenn man sich für die Entwicklung der öffentlichen und privaten Fürsorge für alkoholkranke Menschen in Deutschland im 20. Jahrhundert interessierte, nur auf wenige Studien zurückgreifen [...] . Mit seiner [...] Dissertation hat Steffen Meyer nun eine wegweisende Arbeit zur Geschichte der stationären Behandlung alkoholkranker Menschen vorgelegt.
[...] Ein skizzenhafter Ausblick auf die weitere Entwicklung der Trinkerfürsorge in Deutschland, Fallbeispiele, die statistische Auswertung der Patientenakten und ein Überblick zu den deutschen Trinkerheilstätten im Jahre 1927 runden diese gelungene Arbeit ab.

Hans-Walter Schmuhl, in:
Historische Zeitschrift, HZ 307 (2018)

Abstinenzbewegung, Alkohol, Bethel, Diakonie, Gesundheitswesen, Innere Mission, Kästorfer Anstalten, Krankenakten, Kurhaus, Mäßigkeitsbewegung, Stift Isenwald, Strafanstalt, Sucht, Trinkerfürsorge, Trinkerheilstätte, Zuflucht, Zwangssterilisation

Zum Inhalt

Gegenstand der Studie sind die deutschen Trinkerheilstätten, ihr Personal und ihre Patienten, explizit vertreten durch zufällig aufgefundene Krankenakten der Trinkerheilstätte Stift Isenwald. Trinkerheilstätten gab es in Deutschland ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Überwiegend handelte es sich um Privateinrichtungen, die unter kirchlicher Trägerschaft standen. Sie boten Entzugs- und Entwöhnungskuren an und wollten alkoholkranken Männern und Frauen zu einer möglichst lebenslang andauernden Abstinenz verhelfen. Weil der Untersuchungszeitraum unterschiedliche Herrschaftsstrukturen mit sich verändernden gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen, Friedens- und Kriegszeiten aufweist, waren das Aufspüren und Analysieren von Wandel und Beständigkeit in der stationären Alkoholkrankenhilfe ein Leitmotiv. Außerdem standen die Interaktionen zwischen den beteiligten Akteuren im Mittelpunkt.

In den mehr als 1.000 überlieferten Krankenakten der Trinkerheilstätte Stift Isenwald, die für männliche Alkoholiker konzipiert und Teil der Kästorfer Anstalten war, sind Briefe, Fotos, Lebensläufe und amtliche Schriftstücke enthalten. Die Unterlagen ermöglichen einen seltenen Einblick in das Leben von Männern, die freiwillig oder unfreiwillig Tage, Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre ihres Lebens in einer Trinkerheilstätte verbracht haben. Voraussetzung für eine Heilung war nach Ansicht der Leiter die Erkenntnis des Patienten, dass seine Sucht ein selbstverschuldetes Übel sei. Deswegen sollte eine Veränderung der Persönlichkeit nach den Maßgaben eines christlich geprägten, bürgerlichen Wertesystems erfolgen. Durch Fleiß, Disziplin, Gottesfurcht und Sittsamkeit sollten die Patienten nicht nur trockene, sondern bessere und arbeitsame Menschen werden. Wer rebellierte, als uneinsichtig oder „unheilbar“ galt, musste mit der Überweisung in ein Arbeitshaus oder Konzentrationslager rechnen.

Weil der Staat nicht bereit war, öffentliche Heilstätten einzurichten, gab es für schwerstabhängige Alkoholiker kaum adäquate Therapieplätze. Im Kern hat sich daran bis heute wenig geändert.



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