Doktorarbeit: Exegese und Schule

Exegese und Schule

Die matthäische Wunderüberlieferung aus anthropologischer Perspektive mit religionspädagogischen Konkretisierungen

THEOS – Studienreihe Theologische Forschungsergebnisse, Band 126

Hamburg 2016, 260 Seiten
ISBN 978-3-8300-9095-3 (Print/eBook)

Anthropologie, Exegese, Katholische Theologie, Matthäus, Religionspädagogik, Religionsunterricht, Schule, Wunder, Wunderüberlieferung

Zum Inhalt

Annähernd jedem sind biblische Berichte von den Wundern Jesu mehr oder weniger bekannt, aber in ihrem Kontext, Ablauf und Ergebnis nicht erklärbar: Jesus hat Dinge getan, die eben verwundern. Eine Auseinandersetzung mit biblischen Wundererzählungen sollte also beim Verwunderten ansetzen. Den Ausspruch Marie von EBNER-ESCHENBACHs „Es gibt kein Wunder für den, der sich nicht wundern kann.„, kann man so als Grundannahme dieser Arbeit verstehen, denn es kommt zu einem nicht geringen Teil auf den Menschen an, der in den Zustand der Verwunderung gerät.

Daher werden neutestamentliche Wunder exegetisch betrachtet und gleichzeitig wird der Frage nachgegangen, wie jesuanische Wundererzählungen unter diesem anthropologisch-aktiven Schwerpunkt in der Schule bearbeitet werden können.

Für diese Auseinandersetzung werden die Wunderüberlieferungen des Matthäusevangeliums genauer betrachtet, denn Mt will die Bergpredigt in den Kapiteln fünf bis sieben und die Wunder v.a. auch im anschließenden Kapitel acht offensichtlich gemeinsam betrachtet sehen. Die Bergpredigt verweist auf die kommende Gottesherrschaft und schafft somit „für den Menschen eine neue Lebensbasis und neue Perspektiven, verlangt ihm aber auch alles ab, was er an Möglichkeiten hat“ (Vgl. HOPPE, Rudolf, Jesus von Nazaret, 132.). Dies gilt auch für die Wundererzählungen, die betrachtet werden. Der Mensch muss sich selbst durchringen, seine Situation anzuerkennen, er muss sich zu Jesus aufmachen. Die Bergpredigt fordert den Menschen ganz und im Ganzen, sich auf das Kommen des Gottesreiches einzulassen, ja daran mitzuwirken, eben jeder nach seinen Möglichkeiten. Was aber ist, wenn die eigenen Fähigkeiten und Grenzen erreicht sind? Was ist, wenn der Mensch außen vor ist in Fragen der Gesundheit, der Gesellschaft, der Teilhabe am Leben? Hiervon erzählen die Wunder: Sie sind hoffnungsweckende Geschichten vom beginnenden Reich Gottes, auf das sich der einzelne Mensch, wie auch auf den Zuspruch Jesu, einlassen muss.

Zu Beginn wird das Matthäusevangelium und seine Theologie vorgestellt (Kap. 2).

Das dritte Kapitel knüpft nach den historisch-kritischen Überlegungen zum Matthäusevangelium an die vier wesentlichen Bereiche des Arbeitens mit biblischen Texten in der Schule an, und zwar den Religionsunterricht in seiner inhaltlichen und religionspädagogischen Ausrichtung sowie seine strukturelle Besonderheit (Kap. 3.1), die Besonderheit des Arbeitens mit (biblischen) Texten in der Schule (Kap. 3.2), v.a. im Hinblick auf die je eigene individuelle Ausgangslage und Herangehensweise an religiöse und insbesondere biblische Texte, das Arbeiten mit biblischen Wunderberichten in der Schule (Kap. 3.3) vor dem Hintergrund des inzwischen immer weniger biblisch ausgerichteten Religionsunterrichtes sowie die didaktischen Modelle des Unterrichts, die die Grundlage eines textgestützten Unterrichts, wie des Religionsunterrichtes darstellen und insofern im Anschluss an die Kap. 3.1-3 dargelegt werden.

Die Kapitel vier und fünf geben einen Überblick über biblische Wundererzählungen in der gegenwärtigen Diskussion, vergleichen diese mit alttestamentlichen und außerbiblischen Wundergeschichten, um das Wirken des historischen Jesus in den zeitgeschichtlichen und religiösen Kontext einzuordnen und geben einen Überblick über die Arten und den Aufbau von Wundergeschichten, um sie im Bereich der Bibeldidaktik zu verorten.

Das sechste Kapitel nimmt das Phänomen „Mensch“ in den Blick und versucht, den Menschen als einen Geschaffenen, ein Wesen, das durch seine Leibhaftigkeit gekennzeichnet ist, zu charakterisieren. Der Mensch wird nicht in einem systematischen Sinne erforscht, sondern v.a. unter den zwei Aspekten betrachtet, dass er erstens in der Lage ist, über sich und seine menschliche Umwelt zu reflektieren, und zum zweiten, dass er eben ein von Gott Geschaffener ist, der anerkennen muss, dass er in Situationen geraten kann, die er eben nicht kontrollieren, aus sich selbst heraus und vollkommen lösen kann, und dass ihm dennoch eine aktive Rolle an seiner Gesundung zukommt. Im Kontext der Wunder macht der Mensch nämlich die ambivalente Erfahrung der Leiblichkeit, dass der eigene Körper als Gefängnis empfunden werden kann, in dem Sinn, dass er sich fragen muss, ob er das, was er dort von sich wahrnimmt, wirklich er selbst ist? Hier spielen sich Situationen ab, die den Körper als Spiegel des äußeren Selbst zeigen und gleichzeitig aber auch als Reflexionsebene in sich selbst. Der aktive Mensch ist so ein Wesen auf dem Weg zur Menschwerdung (Jörg SPLETT). Die Situationen von Krankheit, Lähmung, Mutlosigkeit, Ignoranz, Isolation und Hilflosigkeit in den jeweiligen Wundererzählungen setzen uns Grenzen; der Leib bremst uns aus, er setzt uns ins Aus.

Den exegetischen Schwerpunkt der Publikation bildet Kapitel sieben. Hier werden die sechs Therapienwunder und das Naturwunder näher betrachtet: Es wird jeweils der matthäische Text bzw. die matthäische Redaktion im Kontext synoptischer Parallelen betrachtet und eine Übersetzung angefertigt, die sehr nah am griechischen Original bleibt. Diese Übersetzung ist nur wenig geglättet, sodass viel von dem Drängenden und Wundersamen in den Texten erhalten bleibt und für den Unterricht einsetzbar ist. Den Abschluss des siebenten Kapitels bildet die Rückfrage in Bezug auf alle behandelten Wunder: Inwiefern sind diese aus anthropologisch Perspektive gelesenen Wunder für die Schule anwendbar (Kap. 7.9)?

Die behandelten Wundererzählungen sind allesamt solche, die sich v.a. auch mit der Beziehungsfähigkeit des Menschen beschäftigen und von daher grundsätzlich interessant für Schülerinnen und Schüler sind, auch wenn die Texte oftmals sperrig sind. Zum Abschluss werden konkrete Vorschläge gemacht, wie mit den einzelnen Wundererzählungen in Fragen der Methodik, der Didaktik, v.a. im Hinblick auf Motivation, Lebensweltbezug und Sozial- und Arbeitsformen, umgegangen werden könnte.

Kapitel acht gibt Anregungen für die Gestaltung des Religionsunterrichtes in der Oberstufe. Da die Wundergeschichten als soziale Ereignisse, als Beziehungs- und Menschwerdungsgeschichten charakterisiert werden, ist auch die angestrebte Unterrichtsstruktur die des kooperativen Lernens und Arbeitens. Schülerinnen und Schüler sollen miteinander in Kontakt sein, miteinander über den biblischen Text und die hinter ihm erkennbar werdende Hoffnungsintention sprechen und so etwas von dem, was die matthäischen Wunder eben sind, zeigen: menschliche Interaktionsgeschichten, die mit Gott zu tun haben. Die anthropologische Dimension will dieser Art Texte den Weg im Religionsunterricht ebnen, damit sie eben nicht nur als „schwierige Texte“ (Michael FRICKE), sondern als lohnende biblische Texte wahrgenommen werden, weil sie zur kritischen Auseinandersetzung einladen: „Es gibt kein Wunder für den, der sich nicht wundern kann.“



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