Dissertation: Verfremdung oder Adaptierung – Realienlexeme in den Übertragungen der Minutennovellen von István Örkény

Verfremdung oder Adaptierung – Realienlexeme in den Übertragungen der Minutennovellen von István Örkény

TRANSLATOLOGIE – Studien zur Übersetzungswissenschaft, Band 14

Hamburg 2016, 246 Seiten
ISBN 978-3-8300-8986-5 (Print/eBook)

Adaptation, Adaption, Kultur, Minutennovelle, Örkény, Realien, Realienlexeme, Übersetzbarkeit, Übersetzung, Übersetzungsstrategie, Übersetzungswissenschaft, Verfremdung

Zum Inhalt

Minimythes – Textes choisis et adapts du hongrois par Tibor Tardos. Mit diesen Worten beginnt die französische Übertragung von Istv?n Örknys Werk, die knapp zwei Jahre nach dem Erscheinen des Originals in Frankreich herausgegeben wurde. Adapts – adaptiert also. Nicht oft offenbart sich dem Übersetzungswissenschaftler die Übersetzungsstrategie auf eine derart eindeutige Weise. Die Minutennovellen von Örkny gehören zu den bekanntesten Werken der ungarischen grotesken Literatur, und obwohl Örkny – wie er selbst behauptet – unverkennbare ungarische Situationen beschreibt, wurden die Novellen mit großem Erfolg in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die unzähligen kulturellen Referenzen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, vor allem aber der der kommunistischen Ära im Ungarn der fünfziger und sechziger Jahre, sowie Örknys Stil spiegeln seine mitteleuropäische Herkunft wider.

Um das Wesen der Novellen wiederzugeben, bedarf es bei ihrer Übersetzung einer pragmatischen Adaptation, unter der Klaudy eine Anpassung an die Bedürfnisse der Leser versteht. Zur Grundthematik einer jeden pragmatisch ausgerichteten Untersuchung gehören nämlich die Menschen, die in jeder kommunikativen Situation, so auch beim Übersetzen, eine Rolle spielen, dieser Prozess ist ohne den Empfänger nicht vorstellbar.

Doch welche sind die übrigen Faktoren, die die Arbeit eines Übersetzers schon am Anfang von Grund auf beeinflussen? Noch bevor er sich instinktiv oder bewusst für eine Übersetzungsstrategie entscheidet, muss der Übersetzer eine Orientierung einschlagen: Soll der Übersetzungsprozess die Interessen des Autors, des Textes oder des Lesers vor Augen halten, fragen Hatim und Mason im einführenden Kapitel ihres gemeinsamen Bandes.

Vall? stellt fest, dass Übersetzungswissenschaftler einerseits die Übersetzung als Tätigkeit, andererseits auch deren Produkt unter den folgenden Gesichtspunkten untersuchen: Wie beeinflussen der kulturelle Kontext sowie ein vom Original unterschiedlicher kultureller Hintergrund, den der Leser mit sich bringt, die Arbeit des Übersetzers? Dabei stellt sich die Frage, die hinter jeder pragmatischen Entscheidung verborgen ist, welchen Kriterien der Übersetzer letztendlich entsprechen will: der Treue gegenüber dem Originaltext oder den Erwartungen des Lesers?

Zu den Grundprinzipien der literarischen Übersetzung gehört, dass ein Text entstehen soll, der im Leser annähernd die gleiche Wirkung erzielt, wie der Text im Leser des Originals. Für den Übersetzer kann die Vermittlung von Erscheinungen und Sachverhalten, die dem Leser unbekannt oder auch nur ungewohnt sind, ein ernstes Problem darstellen, da dieser über einen unterschiedlichen kulturellen Hintergrund verfügt. In einem solchen Fall verlangt nämlich die Übersetzung der Wörter und Ausdrücke, die das Ergebnis einer unterschiedlichen Realitätsaufteilung und Betrachtungsweise sind, vom Übersetzer eine besondere Vorgehensweise. Er trägt nämlich seine eigene Weltanschauung, seinen kulturellen Hintergrund mit ein, und diese wird beim Übersetzen auf eine bestimmte Weise dargestellt. Das angewandte Verfahren deutet damit neben dem sprachlichen Wissen des Übersetzers auch auf dessen tieferes, kulturelles Wissen hin.

Der Übersetzungstheoretiker befasst sich gern mit der Analyse jener Texte, bei der die Übersetzer mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, eventuell folgenschwere Entscheidungen treffen mussten. Es bedarf für die Lösung dieser Probleme der pragmatischen Adaptierung, bei der der Übersetzer – wobei das Fremde des Originaltextes beibehalten werden soll – die Aufgabe hat, auch unklare Erscheinungen und Begriffe auf implizite oder explizite Weise zu erklären.

In der Realienforschung geht man im Allgemeinen von der Annahme aus, dass jedes Wort oder Ausdruck in einem bestimmten Kontext zu einem Realienlexem, also zu einem kulturell gebundenen Wort oder Ausdruck werden kann. Dies kann von mehreren Faktoren abhängen, wie z. B. von der geografischen oder soziokulturellen-gesellschaftlichen Entfernung zweier Kulturen, denn auch ein Schwede kann eventuell auf Probleme bei der Interpretation kultureller Inhalte treffen, was für einen Österreicher theoretisch keine darstellt. Auch zeitliche Faktoren können im Fall eines Realienlexems das Verständnis der denotativen und/oder konnotativen Bedeutung beeinflussen, da auch die verstrichene Zeitspanne zwischen dem Entstehen des Originaltextes bzw. der Übersetzung in Betracht gezogen werden muss. So ist es theoretisch möglich, dass nicht einmal die jüngeren Mitglieder der Zeitgenossen des Autors über jenes Wissen verfügen, das vom Autor vorausgesetzt wird.



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