Dissertation: „Mein Orchester habe ich schon nervös gemacht.“ Die Briefe des Dirigenten Felix Mottl an die Gräfin Christiane Thun-Salm

„Mein Orchester habe ich schon nervös gemacht.“
Die Briefe des Dirigenten Felix Mottl an die Gräfin Christiane Thun-Salm

Darstellung und Edition

Studien zur Musikwissenschaft, Band 41

Hamburg 2016, 628 Seiten
ISBN 978-3-8300-8838-7 (Print/eBook)

Rezension

[...] [Felix Mottl] unterhielt von 1901 bis zu seinem Tod eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Korrespondenz mit der böhmischen Gräfin Christiane Thun-Salm. Ihre Briefe hat Mottl wunschgemäß vernichtet, sodass deren Inhalt und das Charakterbild der Autorin meist nur indirekt aus Mottls Text und dem umfangreichen Anmerkungsapparat der vorliegenden Edition erschlossen werden können. „Meist“ deshalb, weil in wenigen Fällen Dokumente aus ihrer Hand erhalten geblieben sind und ebenfalls andere Korrespondenzen der Gräfin zitiert werden, die mit dem Mottl-Briefwechsel zusammenhängen. Die musisch begabte und literarisch ambitionierte Adelige aus dem Hause Waldstein, die am Wiener Hof verkehrte, war selbst schriftstellerisch tätig und korrespondierte unter anderem mit Marie von Ebner-Eschenbach und Hugo von Hofmannsthal. [...] Was die Edition der Briefe einmal mehr erschreckend bewusst macht, ist die [...] dunkle Seite einer meist selektiv auf ihre innovativen Repräsentanten beschränkten und gefeierten Kultur der Frühen Moderne: eine wirkmächtige Gegenmoderne in zahlreichen ideologischen Varianten, hier in der fatalen, rassistisch-antisemitischen des Bayreuther Kreises. [...] Ein Wort noch zur Edition: Sie wartet neben den hauptsächlich aus den Nachlassbeständen der Österreichischen Nationalbibliothek erstveröffentlichten Briefen mit einer Fülle von weiteren Dokumenten auf, die der Herausgeber Philipp Toman mit erheblichem philologischem Fleiß zusammengetragen und ausführlich, mit eigenen Thesen sehr [...] zurückhaltend kommentiert hat. [...] Für die Forschung, besonders die Wagner- und Mahler-Forschung, schließt sich durch die Veröffentlichung der Mottl-Briefe zweifellos eine Lücke.

Franz Adam, in:
Stifter Jahrbuch, 31|2017

Bayreuther Festspiele, Cosima Wagner, Dirigent, Felix Mottl, Gräfin Christiane Thun-Salm, Gustav Mahler, Karlsruhe, Kulturgeschichte, Metropolitan Opera, München, Richard Wagner, Siegfried Wagner, Wien, Wiener Philharmoniker

Zum Inhalt

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Die Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek beherbergt ein musikgeschichtlich und kulturhistorisch wertvolles, aus über 200 Schriftstücken bestehendes, Konvolut von Briefen des Dirigenten Felix Mottl an die Gräfin Christiane Thun-Salm.

Felix Mottl (1856–1911) gilt als einer der wichtigsten Dirigenten seiner Zeit und zeichnete sich als leidenschaftlicher Verfechter der Werke Richard Wagners aus. Im Laufe seiner Karriere war er u. a. Assistent und später Dirigent bei den Bayreuther Festspielen, Kapellmeister und Generalmusikdirektor in Karlsruhe, Dirigent an der Metropolitan Opera in New York und zuletzt Generalmusikdirektor in München und Direktor der dortigen Hofoper.

Felix Mottl lernte Gräfin Christiane Thun-Salm, welche in Böhmen und Wien lebte, während der Festspielsaison 1901 in Bayreuth kennen. Eine gemeinsame Sympathie und der Wunsch der Gräfin in Kontakt zu kulturell angesehenen Persönlichkeiten zu stehen – sie pflegte u. a. auch brieflichen Kontakt mit Hugo von Hofmannsthal – waren Basis der langjährigen Korrespondenz. Die Gräfin betätigte sich als Schriftstellerin und konnte mit ihren Märchen und Novellen bei Mottl großes Interesse wecken. Felix Mottl seinerseits machte sich Hoffnungen, über die Kontakte der Gräfin in Wien, den seit jeher angestrebten Posten des Hofoperndirektors, den zu dieser Zeit Gustav Mahler innehatte, zu erlangen. Trotz intensiver Bemühungen der Gräfin blieb diese Position für Mottl zeitlebens unerreichbar. Weitere Inhalte der Briefe sind Details über die Familie Wagner, im Besonderen Cosima und Siegfried, das Musikleben der Wirkungsorte Karlsruhe, New York und München, wobei u. a. das Konkurrenzverhältnis zwischen den Bayreuther Festspielen und den Münchner Wagneraufführungen thematisiert wird. Ferner schreibt Mottl über seine Engagements als Gastdirigent der Wiener Philharmoniker, Tristan-Aufführungen in St. Petersburg, aber auch über seine schwierige Ehe mit der Sängerin Henriette Standthartner. Da Mottl großes Vertrauen zur Gräfin aufbaute, gab er viele Ansichten über seine Zeitgenossen preis, die sich einerseits durch einen gewissen „Wiener Schmäh“ auszeichnen, andererseits jedoch nicht frei von antisemitischen Äußerungen sind (u. a. Aussagen über Gustav Mahler, später über New York und die Amerikaner im Allgemeinen).

Die Publikation beinhaltet neben der Aufschlüsselung der wichtigsten Themen und die Übertragung sämtlicher Schriftstücke samt ausführlicher Kommentare auch zahlreiche Konzertkritiken und diverse Register, welche Auskunft über die erwähnten literarischen Werke, Konzerte, Personen und das musikalische Repertoire der Jahre 1901 bis 1911 geben.

Link des Autors

Dr. Philipp Toman - Homepage und Kontakt

    

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