Forschungsarbeit: Bildung – Von der Utopie zur neoliberalen Wissensgesellschaft

Bildung –
Von der Utopie zur neoliberalen Wissensgesellschaft

KRITIK UND REFLEXION – Interdisziplinäre Beiträge zur kritischen Gesellschaftstheorie, Band 15

Hamburg 2015, 340 Seiten
ISBN 978-3-8300-8378-8 (Print/eBook)

Rezension

[...] Die Kritik der Umwandlung von Wissen in eine Ware bei gleichzeitiger Reflexion des der Bildung immanenten Verfalls ihrer Utopie ist weiterhin aktuell und wird in diesem Buch überzeugend behandelt.
Wer Anregung und Grundlagen für eine aufklärerisch-kritische Bildungsarbeit benötigt, dem sei dieses Buch empfohlen.

Björn Oellers, in:
Pädagogische Rundschau, 1/2017

Bildung, Bildungsarbeit, Gesellschaftstheorie, Globalisierung, Kritische Theorie der Gesellschaft, Neoliberalismus, Philosophiegeschichte, Universitätsgeschichte, Wissensgesellschaft

Zum Inhalt

Der Text skizziert geschichtsphilosophisch die Genese und den Verfall der Utopie der Bildung in der praktischen Absicht ihrer Verwirklichung.

Seit der Neoliberalismus durch die De-Regulierung von Kapital-, Dienstleistungs-, Waren- und Arbeitskräfte-Verkehr die „Wissensgesellschaft“ und „Informationsgesellschaft“ installierte, erscheint Wissen als der „neue Vermögenswert“, scheint sich die „Produktion von Wissen als Schnellspur zu höherem Wachstum zu erweisen.“ (UNDP) Wissen, als immaterielle Potenz, sprengt „die Fesseln von Kosten, Zeit und Entfernung“, die „Fesseln der Natur“, und konstituiert dadurch nicht nur die globale Ökonomie, sondern verspricht auch die Überwindung der Grenzen des Wachstums – der Grenzen des kapitalistischen Akkumulationsprozesses. Dieses Wissen eröffnet keine Einsicht in den Logos der neoliberalen Ökonomie und Gesellschaft. Die Rationalität des erstrebten Wissens, der fetischisierten Bildung, steht unter der expliziten Voraussetzung gesellschaftlicher Irrationalität. Darum fordert die neoliberale Bildung: Anpassung an die bewusstlos wirkenden Schicksalsmächte der spontanen ökonomischen Ordnung – der vollends fetischisierten Logik des Kapitals.

Die Utopie der Bildung versprach einst, daß der Mensch durch seinen Aufstieg zur Gottesebenbildlichkeit sich selbst und seine Welt durch Vernunft zu bilden vermöchte: einem Bildhauer gleich. Bildung ist: höchste theoretische Einsicht in die Welt als Ganze, praktische Verwirklichung des Menschen als Menschen, der Gesellschaft als eines vernünftigen „Vereins freier Menschen“ – so daß der Mensch sich seiner selbst und seiner Verhältnisse bewusst ist.
Als Prozess ist Bildung: Kritik des herrschenden Bewusstseins, praktische Kritik der herrschenden Verhältnisse – Aufklärung durch das „Ändern der Umstände“ und „Selbstveränderung“ ineins (Marx).

Diese Utopie wurde geboren in der griechischen Antike, aufgenommen und radikalisiert in der Renaissance, leitende Utopie in der Epoche der liberalen Aufklärung – um am Ende des 19. Jahrhunderts in der Ausbildung von Menschen zu Maschinenmenschen in einer Maschinengesellschaft unterzugehen. Die theoretische und praktische Negation der Utopien der Bildung: des gebildeten Individuums und der vernünftigen Gesellschaft, hat seitdem einige Stadien durchlaufen. Die neueste Gestalt der Negation dieser Utopien durch den gesellschaftlichen Fetischismus ist der zur Globalisierung verallgemeinerte Neoliberalismus: die neoliberale Wissensgesellschaft.

Zum Autor

Gerhard Stapelfeldt lehrte bis 2009 als Professor am Institut für Soziologie der Universität Hamburg.



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