Dissertation: Deutsche Sprachelemente im Ungarischen als Hilfen beim kognitiven Erwerb des Deutschen

Deutsche Sprachelemente im Ungarischen als Hilfen beim kognitiven Erwerb des Deutschen

Einsichten aus Unterrichtseinheiten mit ungarischen Deutschlernern

LINGUA – Fremdsprachenunterricht in Forschung und Praxis, Band 26

Hamburg 2013, 472 Seiten
ISBN 978-3-8300-7416-8 (Print/eBook)

DaF, Deutsch als Fremdsprache, Deutsche Kultur, Deutsche Sprache, Didaktik, Fachlehnwortschatz Deutsch-Ungarisch, Fremdsprachendidaktik, Imre Steindl, János Juhász, Kognitives Lernen, Kontaktlinguistik, Kontrastive Linguistik, Mehrsprachigkeitsdidaktik, Mitteleuropa, Schulsprachenpolitik Englisch-Deutsch, Ungarisch, Ungarndeutsche, Wortschatzarbeit

Zum Inhalt

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Chance, Fenster, Tollpatsch und Wolkenkratzer gehören nicht zum Stammwortschatz des Deutschen. Chance und auch Tollpatsch sieht man das an. Bei Fenster aber, oder bei Wolkenkratzer, das aus einer Lehnübertragung des englischen „skyscraper“ entstand, fällt kein Zeichen der Fremdheit auf. Tollpatsch, das ursprünglich „ungarischer Fußsoldat“ (ung. Talpas nach talp: Sohle) bedeutete, ist eines der wenigen Lehnwörter, die aus dem Ungarischen ins Deutsche gekommen sind.

Umgekehrt wurden jedoch im Laufe der letzten tausend Jahre, u. a. dank der Nähe zum deutschen Sprachgebiet, unzählige deutsche Lehnwörter ins Ungarische übernommen. Noch größer ist die Zahl der Komposita (wie etwa Wolkenkratzer) und anderer, u. a. syntaktischer, Konstruktionen, die wohl (auch) nach einem deutschen Vorbild geprägt wurden. So ist etwa das ungarische felhokarcol? eine Lehnübersetzung des deutschen Wolkenkratzer. Ohne die Wörter sín (dt. Schiene), zokni (dt. Socken) oder die Lehnübersetzung pályaudvar (dt. Bahnhof), also ohne deutsche Sprachelemente, hätte ein Sprecher des Ungarischen große Ausdrucksschwierigkeiten.

Meine Frage an drei Deutschlehrerinnen sowie ihre SchülerInnen und StudentInnen in Ungarn lautete, ob sie es als eine Erleichterung für das Deutschlernen empfinden, wenn sie sich deutsches Lehngut im Ungarischen bewusst machen. Dazu stellte ich ihnen eine Liste von über tausend Lehnwörtern zur Verfügung und bat die Lehrerinnen, je zwei Unterrichtseinheiten zu diesem Thema durchzuführen. Bei den anschließenden Experteninterviews mit Lehrenden und Lernenden zeigte sich, dass sie fast alle diese neue und ungewöhnliche Sicht auf die beiden Sprachen anregend fanden.

Um weitere Fragen zum Lehnwortschatz und dem darin liegenden Potential für den Deutschunterricht zu klären, folgte eine diachrone Analyse der während der Unterrichtseinheiten aufgegriffenen Themen. Auch ältere und neuere Ansätze kontrastiv-komparativen Fremdsprachenerwerbs vor dem Hintergrund der Mehrsprachigkeitsdidaktik wurden behandelt, zumal die andere Fremdsprache Englisch während der Unterrichtseinheiten bei vielen unbewusst mit einwirkte. Aus den ersten reflektierten Erfahrungen der Beteiligten und den erzielten Erkenntnissen lässt sich nur folgern, dass die Bewusstmachung deutscher Sprachelemente im Ungarischen denjenigen Deutschlernern sicherlich eine Hilfe ist, die sich ihnen mit Interesse zuwenden und gerne zeitweilig eine Position zwischen den Sprachen einnehmen. Welche Bereiche des Spracherwerbs davon betroffen sein können und in welchem Maße, sollte durch weitere Forschung erschlossen werden.



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