Doktorarbeit: Standortfaktor Regional Governance auf dem Prüfstand

Standortfaktor Regional Governance auf dem Prüfstand

Theoretische Überlegungen und empirische Analysen zur Bedeutung regionaler Steuerungssysteme für die Wirtschaftsentwicklung von Regionen

Wirtschaftspolitik in Forschung und Praxis, Band 65

Hamburg 2013, 512 Seiten
ISBN 978-3-8300-6979-9 (Print/eBook)

Rezension

[...] Sicherlich: Die akribisch recherchierte, umfassende, aber dennoch gut lesbare Arbeit von Panebianco wird auch Kritiker finden. Man kann natürlich bezweifeln, ob es überhaupt angemessen ist, ‚weiche‘ regionale Kooperation ‚hart‘ zu evaluieren, und über die Aussagekraft einzelner Indikatoren lässt sich wie immer trefflich streiten. Manch einem mag das pragmatische Zusammensetzen einzelner theoretischer Erklärungsbausteine auf der einen und empirischer Daten auf der anderen Seite zu eklektizistisch erscheinen. Vermutlich aber genau durch dieses Vorgehen hat die stringente und konsistente Arbeit jedoch einen hohen praktischen Nutzen und öffnet auch für die Forschung neu Perspektiven zu dem Thema. Wenn durch sie die Barrieren gegenüber quantifizierender Forschung in der Raumplanung weiter abgebaut würden, so wäre dies schon ein sehr erfreulicher – und zum Teil ja sogar messbarer – Effekt.

Christian Diller, in:
Raumforschung und Raumordnung, RuR (2013) 71

Cluster, Geographie, Good Governance, Partizipation, Politikwissenschaft, regionale Kooperation, Regionalentwicklung, Regional Governance, Regionalisierung, Regionalpolitik, Standortfaktor, Unternehmensnetzwerke, Volkswirtschaftslehre, weicher Standortfaktor, Wirtschaftsentwicklung, Wirtschaftsgeographie, Wirtschaftswachstum

Zum Inhalt

Deutschlandweit haben sich in den 1990er und 2000er Jahren neue Formen regionaler Zusammenarbeit etabliert: Städte, Gemeinden und Landkreise engagieren sich in „Städtenetzen“ und „Regionalkonferenzen“, „Aktionsgruppen“ und „Wachstumsinitiativen“, „Clustern“ und „Metropolregionen“ – um nur einige Beispiele zu nennen. Prägend für die neuen Kooperationsmodelle, für die sich der Sammelbegriff der Regional Governance eingebürgert hat, sind die gemeindeübergreifende Ausrichtung, die Einbeziehung privater Akteure und die Bildung und Nutzung von „Netzwerken“ als Steuerungsmodus.

Die Erwartungen an die verschiedenen Formen von Regional Governance sind hoch: Die neuen Kooperationsmodelle sollen ein effektiveres und effizienteres Verwaltungshandeln ermöglichen, die Realisierung regional bedeutsamer Infrastrukturprojekte erleichtern, als Grundlage für Arbeitsteilung und Spezialisierung dienen und die Außenwahrnehmung einer Region verbessern. In der Summe wird ihnen damit die Wirkung eines Standortfaktors zugesprochen, der die Chancen auf Wirtschaftswachstum verbessert. Empirische Belege für den erwarteten Mehrwert von Regional Governance gibt es jedoch bisher in der Regel nur in der Form von Fallstudienanalysen oder Programm-Evaluationen.

Der Autor geht der Frage nach, ob sich der vielfach angenommene positive Einfluss regionaler Steuerungssysteme auf die regionale Wirtschaftsentwicklung in der Praxis bestätigen lässt. In einem theoretischen Teil werden zunächst die zentralen Begrifflichkeiten geklärt und mögliche regionalwirtschaftlichen Effekte von „Good Regional Governance“ erörtert. Betrachtete Teilaspekte sind die Regionalität von Steuerung, die Existenz und Ausprägung regionaler Netzwerke, die Einbindung von Bürger/innen und Unternehmen und das Handeln von Politik und Verwaltung. Die im Theorieteil abgeleiteten Hypothesen werden im zweiten, empirischen Teil der Abhandlung „auf den Prüfstand“ gestellt. Hierzu werden einzelne Facetten regionaler Steuerungssysteme operationalisiert und die statistischen Zusammenhänge zur regionalen Beschäftigungsentwicklung anhand von Zeit-reihen-Untersuchungen, Korrelations- und Regressionsrechnungen überprüft.

Die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen bestätigen, dass „Good Regional Governance“ eine nennenswerte Bedeutung für die regionale Wirtschaftsentwicklung besitzt, ihre Bedeutung jedoch nicht überschätzt werden darf. So lässt sich einerseits bei gut einem Drittel der untersuchten Indikatoren ein nennenswerter Zusammenhang zur Beschäftigungsentwicklung nachweisen. Auch in der Zusammenschau bestätigt die multivariate Regressionsanalyse die Relevanz einer Good Regional Governance: Werden die verschiedenen Variablen in ihrer gebündelten Wirkung betrachtet, so vermögen sie – je nach Analyseebene, Raumtyp und Landesteil (Ost/West-Deutschland) – etwa 30 bis 60 Prozent interregionaler Wachstumsunterschiede zu erklären. Andererseits ist festzustellen, dass für knapp zwei Drittel der gewählten Indikatoren kein hypothesenkonformer statistischer Zusammenhang zur Beschäftigungsentwicklung festzustellen ist, in sechs Fällen die Wirkungsrichtung sogar konträr zur Ursprungsannahme ist. Werden die verschiedenen Aspekte einer Good Regional Governance gesondert betrachtet, so erweist sich das Handeln von Politik und Verwaltung als besonders relevante Teildimension, wogegen etwa „regionalen Netzwerken“ häufig ein Mehrwert zugesprochen wird, der sich in den hier vorgenommenen Untersuchungen kaum wieder findet.

Für die Praxis von Wirtschaftsförderung und Strukturpolitik lassen sich verschiedene Schlüsse ziehen. So legen die Untersuchungsergebnisse beispielsweise eine kritische Überprüfung der Clusterförderung nahe. Im Ergebnis lässt sich jedoch auch feststellen, dass der Untersuchungsgegenstand weiterer Analysen bedarf, die über den hier gewählten methodischen Ansatz hinaus gehen – sei es durch die Erweiterung des Indikatorenkatalogs, eine Verfeinerung der Analysetechnik oder die ergänzende Analyse anhand qualitativ orientierter regionaler Fallstudien.



Informationen über das Veröffentlichen wissenschaftlicher Arbeiten.

nach oben