Forschungsarbeit: Erna Stahl – Zeugnisse ihres Wirkens im Hamburger Schulwesen nach 1945 und Betrachtungen aus ihrer späteren Lebenszeit

Erna Stahl – Zeugnisse ihres Wirkens im Hamburger Schulwesen nach 1945 und Betrachtungen aus ihrer späteren Lebenszeit

Mit einem Beitrag: Erna Stahls Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus

Buchformat: DIN A4

IMAGO VITAE – Schriften zur Biographieforschung, Band 8

Hamburg 2010, 484 Seiten
ISBN 978-3-8300-5473-3

Albert Schweitzer, Hamburger Schulprozess von 1950, Herbert Meinke, Istanbul, Kulturkritik, Lesebuch, Lichtwarkschule, Nationalsozialismus, Oskar Kokoschka, Reeducation, Reformpädagogik, Soziologie, Spanien, Weiße Rose, Widerstand, Wien

Zum Inhalt

Erna Stahl (1900–1980) wuchs als Tochter einer Wiener Violinistin aus dem Arbeitermilieu und eines Lübecker Konzertagenten im Hamburger Stadtteil St. Pauli auf. Nach einem Vorbereitungsdienst wirkte sie seit 1930 an der reformpädagogischen Hamburger Lichtwarkschule. Im Zuge nationalsozialistischer Eingriffe in das Schulwesen wurde sie 1935 an die damalige Oberrealschule für Mädchen im Alstertal, Hamburg-Fuhlsbüttel, strafversetzt. 1943 geriet Erna Stahl im entfernteren Umfeld der Weißen Rose ins Visier der Gestapo und entging nach Durchlaufen mehrerer Haftstationen durch den Einmarsch amerikanischer Truppen in Bayreuth im April 1945 nur knapp der Vollstreckung eines zu erwartenden Todesurteils vor dem Volksgerichtshof.

Der Band stellt eine Zusammenstellung von Schriftstücken aus den verstreuten, zum Teil nur privat zugänglichen Nachlassbeständen Erna Stahls dar, die nach einer vorangehenden Herausgabe im Selbstverlag hiermit an eine breitere Öffentlichkeit gelangen. Dokumentiert werden insbesondere Erna Stahls wegweisende Initiativen (nunmehr als Schulleiterin) in der deutschen Nachkriegssituation nach 1945. Berichte an die Schulbehörde, Aktivitäten in der VVN, Herausgabe eines neuen Lesebuches für die Britische Besatzungszone („Im Kreislauf des Jahres“) und die damit verbundenen Auseinandersetzungen mit der Militärregierung, Stellungnahmen im Rahmen des „Hamburger Schulprozesses“ von 1950 bezeichnen Eckpunkte ihres Wirkens. Ohne selbst den Begriff zu verwenden, war Erna Stahls oberstes Anliegen eine „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno), die „ganzheitlich“, musisch und sozial ausgerichtet war. In einer eigenständigen Anverwandlung – bei dezidiert christlicher Orientierung – verband sie dabei Elemente der Reformpädagogik mit denen der Waldorfpädagogik. Ihre Vorstellungen verwirklichte sie – gemeinsam mit ihrer Kollegin und Freundin Hilde Ahlgrimm – seit 1950 schrittweise in einem eigenen Schulkonzept, der ersten Kooperativen Gesamtschule Hamburgs, die schließlich auch in einem neuen Schulbau Gestalt annahm. Hierfür konnte noch zu seinen Lebzeiten Albert Schweitzer, vorbildlich durch sein humanes Wirken, als Namenspatron gewonnen werden (1958). In zahlreichen Ansprachentexten, mit begleitenden Schriftstücken und Abbildungen wird dieser mit anspruchsvollen Zielsetzungen markierte Weg bis hin zur Versetzung in den Ruhestand Erna Stahls (1965) dokumentiert. – In der heutigen Albert-Schweitzer-Schule in Hamburg (Schluchtweg) leben wesentliche Impulse aus der früheren Wirkungszeit Erna Stahls fort.

Durch Rückblicke auf die Lichtwarkschule, ausgewählte, vorwiegend kulturkritische Betrachtungen und Tagebuchaufzeichnungen aus der späteren Lebenszeit, Aussagen von Zeitzeugen und durch einen dokumentarischen Anhang werden in weiteren Aspekten Leben und Wirken Erna Stahls beleuchtet.

Schließlich ergänzt ein Beitrag über Erna Stahls Haltung in der NS-Zeit, in dem u.a. Briefe aus der Kriegszeit an den ihr freundschaftlich nahestehenden ehemaligen Schüler Herbert Meinke (Grafiker; zu der Zeit Soldat) ausgewertet werden, das Bild dieser bis zu ihrem Lebensende scharfsichtigen und kreativen, streitbaren und engagierten Persönlichkeit. Dabei tritt in einigen dieser Briefe die damalige Situation, bis hin zu den Deportationen und Ermordungen der Juden, in zwar verdeckter Mitteilung, krass hervor.



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