Forschungsarbeit: Existenz und Kontingenz – Heidegger und das Ende der soziologischen Vernunft

Existenz und Kontingenz – Heidegger und das Ende der soziologischen Vernunft

SOCIALIA – Studienreihe soziologische Forschungsergebnisse, Band 97

Hamburg 2008, 302 Seiten
ISBN 978-3-8300-3920-4 (Print/eBook)

Angst, Dasein, Daseinsanalytik, Eigentlichkeit, Existenzialphilosophie, Fundamentalontologie, Handlungstheorie, in-der-Welt-Sein, Jean-Paul Sartre, Josef König, Jürgen Habermas, Karl Löwith, Martin Heidegger, Niklas Luhmann, Peter Sloterdijk, Phänomenologie, Pierre Bourdieu, Sorge, Sozialontologie, Soziologie, Theodor W. Adorno, Tod, Verhaltenstheorie, Vernunft

Zum Inhalt

Die Daseinsanalytik Martin Heideggers wurde in der Vergangenheit manchmal als ‘Anti-Soziologie‘ und als fundamentale Kritik der soziologischen Vernunft tituliert. Seit einigen Jahren kann man in den USA und einigen Ländern Europas Versuche beobachten, diese auch Fundamentalontologie genannte Schule der Philosophie für einen ’anderen‘ Anfang und eine ‘Neubesinnung‘ in der Soziologie zu nutzen.

Das Hauptwerk dieser Denkrichtung, Heideggers Sein und Zeit (1927) – von Jürgen Habermas als „das bedeutendste philosophische Ereignis seit Hegels Phänomenologie“ bezeichnet, enthält zahlreiche provokative ‘vor-soziologische‘ Thematisierungen und Konzepte, die für eine Neuorientierung der Soziologie – jenseits der Theorien des kommunikativen Handelns und der Theorie autopoietischer Systeme – fruchtbar gemacht werden könnten (z. B. Konzepte wie ’In-der-Welt-sein’, ’Man’, ’Sorge’, ’Gewissen’, ’Alltäglichkeit’, ’Verstehen’, etc.).

Vor allem liefert Sein und Zeit nach Meinung des Autors wichtige Gesichtspunkte für die Verbesserung der soziologischen Handlungstheorie.

In dieser Studie wird versucht, solche Konzepte der Daseinsanalytik herauszupräparieren, die sich für eine ‘Übersetzung‘ in die soziologische und sozialpsychologische Terminologie eignen und so ihre Fruchtbarkeit für die empirische Forschung unter Beweis stellen könnten. Das Ziel ist die Anregung von Forschungsdesigns, welche die zentralen Beobachtungen von Sein und Zeit mit bestehenden Forschungsresultaten der Soziologie in Beziehung setzen könnten. Im Mittelpunkt der einzelnen Kapitel steht dabei stets die Frage, wie diese ’Existenz-Philosophie’ jenseits der Literaturwissenschaft und der Tiefenpsychologie auch für die ’Regionalontologien’ der Sozial- und Verhaltenswissenschaften genutzt werden könnte angesichts der durchgängig behaupteten These, die Daseinsanalytik sei durch ‘Sozialitätsdefizite‘ und ’Gesellschaftsferne‘ charakterisiert, und sie sei daher für die Weiterentwicklung der soziologischen Theorie eigentlich nutzlos. Hierbei ist allerdings der interessante Sachverhalt gegeben, dass die traditionelle verstehende Soziologie (der Weber-Schütz-Tradition) und die so genannte Kritische Theorie (der Frankfurter Schule) als Bezugspunkte für die Heideggerkritik dienen, ohne jedoch ihre jeweiligen eigenen durch die Daseinsanalytik enthüllten Theoriedefizite zu reflektieren. Scheinen die Vorwürfe hinsichtlich der ’Gesellschaftsferne’ selbst der soziologisch anmutenden Konzepte in Sein und Zeit (z. B. das ’Man’, das ’Mitsein’) gut begründbar, so zeigt die neue Heidegger-Diskussion in der deutschen Soziologie neben überschwänglichen Deklamationen über die ‘Tiefe‘, ‘Radikalität des Hinterfragens‘ traditioneller Konzepte und der ‘Inspiration für einen Neuanfang‘ wenig konkrete Hinweise, wie ein solcher Anschluss an die bestehenden Paradigmata der Soziologie aussehen könnte.

In diesem Buch wird der Versuch unternommen, die Daseinsanalytik an eine bereits bestehende Theorierichtung der Soziologie anzuschließen.

Diese ist die verhaltenstheoretische Soziologie, wie sie von Homans, Emerson u. a. auf der Basis einer ‘behavioristischen‘ Psychologie konzipiert wurde. Die provokative Kernthese des Buches ist ferner, dass es sich bei der Daseinsanalytik Heideggers um eine mögliche ‘Rekonstruktion‘ eines klassischen sozialwissenschaftlichen Denkweges handelt, d.h. das ‘Dasein‘ als Idealtyp des ‘wirtschaftenden‘ Menschen, wie Adam Smith ihn formuliert hatte, betrachtet werden kann.



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