Sammelband: Ethno-Kulturelle Begegnungen in Mittel- und Osteuropa

Ethno-Kulturelle Begegnungen in Mittel- und Osteuropa

SOCIALIA – Studienreihe soziologische Forschungsergebnisse, Band 94

Hamburg 2008, 260 Seiten
ISBN 978-3-8300-3434-6

Balkan, Ethnie, Ethno-Kulturelle Begegnungen, Karpatenbecken, Kulturwissenschaft, Migration, Minderheit, Mittel- und Osteuropa, Soziologie

Zum Inhalt

Der Band „Ethno-Kulturelle Begegnungen in Mittel- und Osteuropa“ gibt eine Kostprobe aus den Forschungsergebnissen einer Werkstatt für Minderheitenforschung an der Universität Pécs (Ungarn). Die jedes Jahr stattfindenden interdisziplinären Konferenzen, von deren Ertrag hier eine Auswahl vorgelegt wird, legten den Akzent immer wieder auf die Region Mitteleuropa als verbindendes Gebiet zwischen den vier Himmelsrichtungen, die Europa als Raum aufteilen, Territorien des Kontinents kategorisieren. Gesucht wird hier nicht zuletzt der Ort Ungarns und des für Ungarn so wichtigen sog. Karpatenbeckens. Dieser Raum ist sowohl geographisch als auch ideengeschichtlich schwer abzugrenzen, da er von Demarkations- und Identitätsproblemen gebrandmarkt ist. Ein zentrales Element der Fragestellungen ist demzufolge der Topos der Grenze, dem in den Untersuchungen eine akzentuierte Rolle zukommt. Die Region an der Schnittstelle von christlich-okzidentaler Kultur, östlichem Christentum und Islam ist durch Überlagerungen markiert. Das Gebiet, oft auch als Tor zum Balkan definiert, ist der Ort diverser Klassifikationen und Zuschreibungen, die das Zusammenspiel und die gegenseitige Beeinflussung von Kulturen, Traditionen, Identitäten und Interessen zu bändigen suchen, daran jedoch scheitern.

Grenze und Tor, Trennung und Koexistenz als zentrale Metaphern der Kulturwissenschaften rekurrieren auf eine neue Kartographisierung, die auf dem untersuchten Territorium auch durch die Verschiebung von Landesgrenzen, Auflösung und Bildung neuer Staaten markiert ist. Die Tore werden in diesem Band jedoch nicht nur im geographischen Sinn geöffnet, sondern auch zwischen den Disziplinen der Wissenschaft. Philosophen, Geographen, Historiker, Juristen, Literaturwissenschaftler, Soziologen, Sprachwissenschaftler, Politologen und Wirtschaftwissenschaftler kommen hier zu Wort und versuchen, aus ihrer eigenen Perspektive durch theoretische Zugänge oder praktische Forschungen zu einer Landvermessung beizutragen.

Thematisch gesehen ist der Band eher kaleidoskopartig. Eine Studie befasst sich mit der Menschenwürde, und mit dem Problem ’Grenze’ auf theoretischer Ebene. Dem folgt ein Aufsatz, der die Problematik von Grenzziehung und Identität auf dem Balkan in der zeitgenössischen deutschen Literatur anvisiert. Eine größere thematische Einheit bietet dann eine Annäherung an Mitteleuropa, das Karpatenbecken und den Balkan als Regionen aus geographischer, politischer und wirtschaftlicher Sicht. Der nächste Block konzentriert sich auf Ungarn in historischer und gegenwärtiger Perspektive. Untersucht wird hier die Problematik von Ethnien, einige Charakteristika des Lebens der Roma-Bevölkerung und die Lage der ungarndeutschen Minderheit. Darüber hinaus wird – in historischer Perspektive – ein Blick auf Agrarregionen und Minderheiten geworfen. Analysiert wird in einigen Studien ferner die Lage der Auslandsungarn, die als Minderheiten in der Region leben, und mehrere Aufsätze widmen sich dem ehemaligen Jugoslawien, dem Beziehungssystem der Bevölkerungsgruppen der Slowenen, Kroaten, Serben, Albanen und Bosnier.

Die kulturelle, sprachliche, ethnische, religiöse und politische Vielfalt des untersuchten Gebiets fordert geradezu Grenzziehungen und weist Hand in Hand damit darauf hin, dass die wegen gegenseitiger Beeinflussung unmöglich sind. Statt Trennungen versuchen die Herausgeber in diesem Buch Kontakte zu beschwören, und die ethno-kulturelle Annäherung, die Akzentuierung von Begegnungen ist auch als ein Plädoyer zu verstehen dafür, den Anderen in seinem Anders-Sein zu akzeptieren und Toleranz zu fördern durch Öffnung und gegenseitiges kennen lernen. Vergessen wird jedoch nicht, dass die über differente Identitäten verfügenden Gruppen im Laufe der Geschichte oft aneinander geraten sind, einander sogar existenziell bedroht haben. Auch heutzutage ist die Koexistenz, die Verschiedenartigkeit und Mannigfaltigkeit, die einen Reichtum, aber auch eine ständige Bedrohung bedeuten, Charakteristika, die das Bild der Region prägen. Der Band spricht sich nach der Absicht der Herausgeber für die Buntheit aus und ist bestrebt, zum gegenseitigen kennen lernen und zur besseren Verständigung einen Beitrag zu leisten.



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