Dissertation: Kinderarbeit, Entwicklungspolitik und Entwicklungspsychologie

Kinderarbeit, Entwicklungspolitik und Entwicklungspsychologie

Arbeitende Kinder als Herausforderung für die universalisierte eurozentrische Konstruktion von Kindheit

Studien zur Kindheits- und Jugendforschung, Band 51

Hamburg 2007, 380 Seiten
ISBN 978-3-8300-3370-7 (Print/eBook)

Rezension

[...] Der Autorin gelingt es auf eindrucksvolle Weise, sichtbar zu machen, welche Probleme sich aus dem mit der westlichen Moderne entstandenen Entwicklungsdenken für das Verständnis des sozialen Phänomens der Kinderarbeit und seinen historischen Formwandlungen ergeben. Eine Stärke des Buches besteht darin, dass die von der Autorin ausgewählten Dokumente immer in ihrem konkreten Entstehungs- und Anwendungskontext "diskursanalytisch" untersucht werden. Auf diese Weise wird es möglich, nicht nur ihren ideologischen Gehalt bzw. Realitätsbezug zu erkennen, sondern auch, welches "Gewicht" sie für das Denken über und den Umgang mit Kinderarbeit haben oder erhalten könnten. Die Darstellung gewinnt zudem an Glaubwürdigkeit, indem die Autorin zu erkennen gibt, in welcher Weise sie selbst im persönlichen Umgang mit arbeitenden Kindern gelernt hat, mit überkommenen Vorstellungen von Kinderarbeit kritischer umzugehen. [...]

Manfred Liebel, in:
socialnet Rezensionen, 18.02.2008

Armut, Entwicklungspolitik, Entwicklungspsychologie, Eurozentrismus, Kinderarbeit, Kinderarbeitsdiskurs, Kinder ohne Kindheit, Politik, Psychologie, Sozioökonomie, Unterentwicklung, Wertesysteme

Zum Inhalt

Kinderarbeit ist mit unserer heute gängigen Vorstellung einer normalen Kindheit nicht vereinbar. Sie gilt als schädlich für die kindliche Entwicklung und als Zeichen von Unterentwicklung und Armut derjenigen Länder, in denen sie stattfindet. Die geschätzten 250 Millionen arbeitenden Kinder weltweit werden daher oft als ‘Kinder ohne Kindheit‘ bezeichnet. Denn Kindheit bedeutet doch das behütete Aufwachsen in einer Familie, das Lernen in der Schule und Zeit zum Spielen. All dies scheint bei arbeitenden Kindern nicht gegeben.

In den industrialisierten Ländern des Nordens gilt die Kinderarbeit seit ihrem Höhepunkt zur Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert mittels Verboten und gesetzlicher Schulpflicht als abgeschafft. Heutige Kinderarbeit in den Ländern des Südens wird meist mit den damaligen Zuständen gleichgesetzt und als Konsequenz werden die gleichen Maßnahmen zu ihrer Abschaffung auch dort propagiert.

Doch ist eine solche Gleichsetzung angemessen? Haben arbeitende Kinder – immerhin fast 20% aller Kinder weltweit – wirklich keine Kindheit? Wer bewertet das und was sind die Folgen für Kinder, die arbeiten? Haben die arbeitenden Kinder selbst eine Stimme und was haben sie uns zu sagen?

Diese Ausgangsüberlegungen führten die Autorin dieser Forschungsarbeit. Über die scheinbaren Selbstverständlichkeiten zum Thema Kinderarbeit hinausgehend analysiert sie die historischen, sozioökonomischen, kulturellen und politischen Vorannahmen unserer heutigen, westlichen Kindheitsnorm und stellt deren Übertragbarkeit auf gänzlich andere soziokulturelle Kontext in Frage. Denn die westliche Sicht auf Kindheit und Entwicklung, so zeigt die Analyse, prägt auch den internationalen Umgang mit Kinderarbeit, der sich für arbeitende Kinder oft genug als wenig hilfreich oder sogar kontraproduktiv erweist.

Demgegenüber stellt die Autorin die Vorstellungen, die die Organisationen der arbeitenden Kinder selbst zur ihrer Kindheit haben. Daraus ergibt sich eine fundierte und für westliche Lesende oft überraschende Konzeption davon, was Kindheit auch bedeuten kann.

Die Studie versteht sich als Plädoyer für die Überwindung von eurozentrischen Modellen zu Kindheit und Entwicklung in Politik und Psychologie und für eine gleichberechtigte Anerkennung der Konzepte der Organisationen der arbeitenden Kinder im internationalen Kinderarbeitsdiskurs.

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