Doktorarbeit: Verständnis intentionalen Handelns im ersten Lebensjahr

Verständnis intentionalen Handelns im ersten Lebensjahr

Die Enkodierung von Handlungsrollen

Schriften zur Entwicklungspsychologie, Band 5

Hamburg 2004, 352 Seiten
ISBN 978-3-8300-1559-8

Entwicklungspsychologie, Geben-Nehmen-Handlung, Intentionales Handeln, Ontologische Grenzen, Psychologie, Säuglingsforschung, Sozial-kognitive Entwicklung, Triadische Interaktionen

Zum Inhalt

Die Fähigkeit, die Absichten und Ziele zu erkennen, die dem Verhalten anderer Personen zugrunde liegen, ist von entscheidender Bedeutung für das Verständnis und die Vorhersage ihres Verhaltens. Wann und wie lernen Babys, den komplexen Handlungsstrom um sie herum in sinnvolle Einheiten einzuteilen und auf der Basis von Absichten und Zielen zu interpretieren?

In der vorliegenden Arbeit wird das Verständnis intentionaler Handlungen im ersten Lebensjahr anhand der Frage untersucht, wie Babys in diesem Alter beobachtete triadische Interaktionen wie Geben-Nehmen-Handlungen wahrnehmen. In einer Serie von sieben Experimenten wird mit Hilfe des Habituations-Dishabituations-Paradigmas überprüft, ob Babys bei einer Szene, in der eine Handpuppe einer anderen eine Blume überreicht, die Rollen von Geber und Nehmer enkodieren und eine Umkehrung dieser Rollen als bedeutsamere Veränderung empfinden als eine Umkehrung der Geberichtung. Von besonderem Interesse ist dabei, ob sie zwischen einer intentionalen Geben-Nehmen-Handlung und einer sehr ähnlich gestalteten, aber nicht intentional aufeinander bezogenen Bewegungskonfiguration unterscheiden und ob sie nur Lebewesen oder auch eindeutig unbelebten Objekten (z.B. Häusern) die Fähigkeit zu sozialen Interaktionen wie Geben-Nehmen-Handlungen zuschreiben.

Die Befunde zeigen, dass Babys am Ende des ersten Lebensjahres die Rollen von Geber und Nehmer als zentrales Element der Szene wahrnehmen und zwischen einer intentionalen und einer nicht intentional aufeinander bezogenen Bewegungskonfiguration unterscheiden. Zudem werden in diesem Alter bereits ontologische Grenzen bei der Interpretation solcher Bewegungssequenzen beachtet und die Bewegungen bei Puppen, aber nicht bei Häusern als soziale Interaktionen eingeordnet.

Babys fokussieren am Ende des ersten Lebensjahres bei der Beobachtung von Geben-Nehmen-Handlungen also nicht auf raumzeitliche oder andere oberflächliche Merkmale, sondern interpretieren sie unter Berücksichtigung des Kontextes im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Erfahrungen auf einer sozialen, intentionalen Basis. Damit sind sie dem Verständnis intentionaler Handlungen auf der konkreten, beobachtbaren Ebene bereits auf der Spur. Auf diese Weise sind sie bestens für den Umgang mit sozialen Situationen und deren Abgrenzung von mechanischen Ereignissen gerüstet und haben innerhalb weniger Monate erstaunlich gut gelernt, im scheinbar unstrukturierten, kontinuierlichen Handlungsstrom, den sie täglich beobachten, verlässliche Strukturen zu entdecken, die für die korrekte Interpretation von Handlungen und die Auswahl angemessener Reaktionen darauf zentral sind.



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