Doktorarbeit: Die Tugend der Toleranz

Die Tugend der Toleranz

Theoretische Aspekte einer auf der Achtung vor der Menschenwürde begründeten Tugend

BOETHIANA – Forschungsergebnisse zur Philosophie, Band 63

Hamburg 2003, 162 Seiten
ISBN 978-3-8300-1241-2 (Print)

Altruismus, Ethik, Freiheit, Geschichtswissenschaft, Menschenrechte, Moralphilosophie, Relativismus, Toleranz, Tugend

Zum Inhalt

Trotz der weit verbreiteten Mahnung zur Toleranz gegenüber anderen Kulturen, Religionen und Moralvorstellungen stellen sich mehrere Fragen über die tolerante Haltung: Durch welche Handlungsweisen drückt sie sich aus? Worin liegt ihre moralische Tugendhaftigkeit? Ist sie immer sittlich gut? Wodurch unterscheidet sie sich von der Indifferenz, der Bejahung und der Resignation? In dieser vierteiligen Arbeit werden diese und andere Fragen über die Tugend der Toleranz beantwortet.

Nachdem der Autor im ersten Teil dieser Arbeit die Hauptzüge des philosophischen Tugendbegriffs behandelt und den in der folgenden Reflexion verwendeten spezifischen Tugendbegriff erläutert hat, untersucht er im zweiten Teil, worin die tolerante Haltung besteht und worin die Tugendhaftigkeit dieser Haltung liegt. Bonafaccia stellt heraus, daß die tolerante Haltung nur dann als Tugend anzusehen ist, wenn der Tolerierende auf das Wohl des anderen in moralisch angemessener Weise Rücksicht nimmt. Dazu wird zunächst der Begriff des moralischen Altruismus gebildet und daran anschließend der für diese Arbeit zentrale Begriff der Achtung vor der Menschenwürde erläutert. Der Autor sieht das Prinzip der Menschenwürde als fundierend gegenüber dem Altruismus und anderen Moralprinzipien an. Dadurch wird erkennbar, warum sich die Menschenwürde in den Menschenrechten niederschlägt und wie die Toleranz damit zusammenhängt: Die moralische Tugendhaftigkeit des Toleranten kann nur in seiner Achtung vor der Würde seiner Mitmenschen liegen, die er durch seine tolerante Haltung ausdrückt. Die tolerante Handlungsweise schließt zwar die Beeinträchtigung der Entscheidungs- und Handlungsfreiheit der Mitmenschen aus, nicht aber den Ausdruck der Mißbilligung ihres Handelns und den Versuch, das mißbilligte Handeln ohne Drohung oder Zwang zu verhindern. Im Hinblick auf bestimmte Arten der Mißbilligung fordert die Achtung vor der Menschenwürde doch auch den Verzicht auf den Ausdruck eigener Mißbilligung und auf den Versuch, den anderen zwangsfrei zu beeinflussen. Außerdem zeigt der Autor in Anlehnung an Kants Kategorischen Imperativ, daß sich aus der Achtung vor der Menschenwürde die sehr anspruchsvolle Konzeption einer aktiven Haltung der Toleranz ergibt: „In freier Anerkennung der Würde anderer Mitmenschen vollendet sich die Tugend der Toleranz in einer kritischen Unterstützung konkurrierender Denk- und Handlungsweisen“. Findet sich die moralische Begründung der Tugend der Toleranz in der Achtung vor der Menschenwürde, dann bestimmt diese zugleich deren Grenzen, und zwar insofern, als diejenigen Handlungsweisen nicht tolerierbar sind, die sich als Mißachtung der Würde anderer erwiesen.

Im dritten Teil der Arbeit wird das andere Moment genauer beleuchtet, das für die tolerante Haltung wesentlich ist: die Mißbilligung des Handelns einer Person durch den Tolerierenden. In Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Literatur kommt Bonafaccia zum Resultat, daß der Tolerante nur dann tugendhaft ist, wenn er der betroffenen Person beweisen kann, daß er gute Gründe für seine Mißbilligung hat. Somit wird erklärt, warum die Toleranz in Fragen der „Rassen-“, Kultur- und Religionszugehörigkeit keine moralische Tugend, sondern sogar eine Untugend ist.

Der abschließende Teil der Arbeit widmet sich dem Verhältnis von Toleranz und ethischem Relativismus. Hier wird die These eines inneren Zusammenhangs zwischen Toleranz und Relativismus abgelehnt und argumentiert, daß keine Version des Relativismus bezüglich des Toleranzprinzips eine Rechtfertigungsfunktion übernehmen kann.



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