Forschungsarbeit: Über Antisemitismus – Zur Dialektik der Gegenaufklärung

Über Antisemitismus –
Zur Dialektik der Gegenaufklärung

KRITIK UND REFLEXION – Interdisziplinäre Beiträge zur kritischen Gesellschaftstheorie, Band 18

Hamburg 2018, 192 Seiten
ISBN 978-3-339-10182-2 (Print), ISBN 978-3-339-10183-9 (eBook)

Antisemitismus, Deutsche Gegenaufklärung, Dialektik, Fremdenfeindlichkeit, Gegenaufklärung, Geschichte, Judentum, Kritische Theorie der Gesellschaft, Liberalismus, Nationalsozialismus, Neoliberalismus, Neuere deutsche Geschichte, Politikwissenschaft, Rassismus, Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Sozialwissenschaft

Zum Inhalt

Der Antisemitismus ist keine richtige Aussage, auch keine Lüge, sondern das Vorurteil der Bürger einer irrational-autoritären, konformistischen Volksgemeinschaft über die Juden. Weil diese Bürger ohne ein aufgeklärtes Bewußtsein ihrer selbst und ihrer Verhältnisse sind, ist ihre Auffassung von Juden eine bewußtlose paranoide Projektion. Daher ist der Antisemitismus nicht aus dem Judentum aufzuklären, sondern aus den Strukturen der antisemitischen Gemeinschaft, der autoritären Gesellschaft autoritärer Charaktere, denen die Welt in „Freund und Feind“ zerfällt.

Unter dem Aspekt der Ideologie sind den konformistischen Charakteren die Juden kein kosmopolitischer Spiegel, durch den sie ein reflektiertes Bewußtsein ihrer selbst und der Anderen erlangen, sondern abstrakt entgegen gesetzte, bedrohliche Fremde, die als frei von konformistischer Selbst-Unterdrückung erscheinen: als Personifikationen von Herrschaft, als Personifikationen utopischen Glücks. In Phasen allgemeiner Krisen revoltieren die konformistischen Charaktere nicht gegen reale Herrschaftsverhältnisse, sondern gegen die als Fremde schlechthin gesetzten Juden. Die konformistische Revolte zielt nicht auf die Abschaffung von Unterdrückung, sondern auf deren Verallgemeinerung. Die Juden erscheinen als Feinde, die in einem Kampf ums Dasein zu liquidieren sind.

Während Horkheimer und Adorno in ihrer Dialektik der Aufklärung die Barbarei aus der Selbstzerstörung der Aufklärung begriffen, wird im vorliegenden Text eine dialektische Aufklärung der Genese und Entwicklung der deutschen Gegenaufklärung von der zeitgenössischen Kritik der Französischen Revolution bis zum Nationalsozialismus und zum Neoliberalismus versucht. Das Bewußtsein des Antisemitismus erweist sich, durch diese Dialektik, als eine theoretische und praktische Vernunft-Utopie. Daher wird keine Beantwortung der Frage, was Antisemitismus sei, gegeben, sondern – in der Tradition des Sokrates – die Frage untersucht.

Über den Autor

Gerhard Stapelfeldt lehrte bis 2009 als Professor am Institut für Soziologie der Universität Hamburg. Seitdem arbeitet er als freier Schriftsteller in Hamburg.



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